Start VereinsBlog Rennsteigmarathon 72,7 km Lauf

Rennsteigmarathon 72,7 km Lauf

 „Monströs!", denke ich. Genau das ist das Wort, was mir durch den Kopf schießt, als mir nach fast 50 km auf dem Mountainbike  richtig klar wird, dass wir die Strecke morgen noch laufen werden. Und wir sind immer noch lange nicht in Eisenach – dem START - ORT des Rennsteiglaufs.

Mit Freunden vom SV Elbland, altgedienten Ausdauersport-Haudegen, die mich Greenhorn im Schlepp haben, ergibt sich für mich die Gelegenheit am 40. Rennsteiglauf über 72,7KM und 1470 Höhenmetern teilzunehmen. Für die Jungs ist das ein jährlich stattfindendes Ritual. Rolf ist schon das 21.Mal dabei. Andreas das fünfte Mal. Ich selbst habe verdammten Respekt vor der Unternehmung. Ein Marathon im Vorjahr war passabel über die Bühne gegangen. Die Distanz von 73 Kilometern übersteigt allerdings meine Vorstellungskraft. Die Vorbereitung des Rennsteigs lief ganz und gar nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Lächerliche 350 Kilometer kamen zusammen seit Sylvester.

Zwar bin ich ständig im Training, aber doch eher als Radfahrer. Meine Gymnastikeinheiten sind sicher nicht von Nachteil. Gut Laufen kommt aber von Laufen...

Es gibt einen alten Plan der Meißner: Zielquartier beziehen , Andreas´ Frau und Lutz – die den „normalen"  Marathon laufen wollen - zurücklassen und mit dem nötigsten Gepäck samt Mountainbike die Strecke zum Startort Eisenach fahren, dort nächtigen und pünktlich 6 Uhr starten, um uns dann wieder am nächsten Tag nach dem Rennen im Zielquartier zusammenzufinden.

Im Vorfeld klappt alles reibungslos. Also fast. Beim Packen meines Rades am Vorabend bemerke ich durch Zufall, dass mein Tretlager festgegammelt ist. Bei der Notreparatur schneide ich mir ordentlich in den Daumen. Hoffentlich kein schlechtes Omen.....

 Die Elbländer schießen die Berge hoch, dass ich mich mächtig anstrengen muss, um nicht schon jetzt auf der MTB-Tour den Anschluss zu verlieren. Der Rucksack drückt. Es ist heiß und schwül. Sicherlich ist zu viel unnötiger Kram dabei. Aber es ist ja das erste Mal und im Prinzip meine Lehrveranstaltung in Sachen Ultramarathon. „Das kann ja heiter werden!", gärt es in meinem Kopf..... Es geht stürmisch voran. Der Rennsteig ist belagtechnisch eher ein rauer, unkomfortabler Untergrund. Steile Auf- und Abfahrten mit heftigen Wurzelpassagen und grobem Schotter samt ausgewaschenen Stellen sind in der Mehrzahl. Waldwegautobahnen oder ebene Abschnitte sind Mangelware. Die Federgabeln haben ordentlich zu tun und man muss schon ein wenig Fahrtechnik beherrschen, will man nicht der Bremsklotz der Gruppe sein.

Beim „Grenzadler" am Biathlonstadion in Oberhof die erste Rast. Zwei Bier und Suppe müssen sein.

Weiter geht es zum „Großen Inselsberg" auf 916 Meter, wo es dann die nächsten Biere gibt. Andreas sticht hier eine Wespe. Reinhard bemerkt einen Platten im Vorderrad. Wieder beschleicht mich ein ungutes Gefühl...

Das Wetter ist immer noch sehr gut, aber es sollen noch Starkregen runter kommen. Es liegt auch Gewitter in der Luft. Wir fahren weiter, als heftiger Wind aufkommt.

Wir kacheln auf dem Rennsteig, als ob es ein Wettkampf wäre. Niemand hat Lust eingeweicht zu werden.  Aber es läuft gut und macht richtig Laune!

Eine Schussfahrt hinab mit sicher 60 Sachen. Der steile  Gegenanstieg kommt in Sicht. Ich kette vorn aufs große Blatt, trete ordentlich, um so viel Schwung wie möglich nach oben mitzunehmen.....fahre links an Reinhard vorbei.

Beim ziehen des Pedals löst sich mein Fuß aus der Pedalbindung und gerät mit vollem Schwung zwischen Vorderrad und Gabel... Augenblicklich steht das Vorderrad und ich mache einen höllischen Salto über den Lenker, krache mit dem Rücken und der Hüfte auf den Schotter. Reinhard, der neben mir in dem Moment fährt, erschrickt heftig. Alles geht rasend schnell, dass ich für einen Moment nicht kapiere, warum ich auf einmal im Dreck liege. Dann kommt bei mir der Schmerz. Er schießt durch Hüfte und Rücken.

Das kann doch nicht wahr sein! Alles scheint aus und vorbei! Die ganze Vorbereitung umsonst. Eine Weile bleibe ich regungslos liegen. Als mir klar wird, dass vielleicht doch nichts gebrochen ist, krieche ich unter dem Rad hervor und streife den Rucksack ab. Andreas hilft mir auf die Beine und ich humple vorsichtig herum.

Rolf meint, dass er sowas noch nie in seiner langen Sportlaufbahn gesehen hat.... Einen 14prozentigen Berg mit so einer Geschwindigkeit  HOCH zu stürzen, wäre auch noch nie dagewesen...

Mit dem Rücken habe ich den Fotoapparat zerdrückt. Das Alugehäuse und das Display ist im Eimer. Schwein gehabt. Es hätte auch ein Lendenwirbel sein können. Die Hüfte ist offen. Genau wie der Arm und das Knie. Die Schaltung ist Schrott, ebenfalls das Hinterrad. Notdürftig wird gezerrt, gebogen und die Bremse hinten ausgehangen, damit sich überhaupt was dreht.

Es hilft alles nichts. Wir müssen weiter. Der Regen kommt und wir haben noch 25 Kilometer. Mit schmerzverzerrter Mine versuche ich schnell voran zu kommen, die Gruppe nicht unnötig zu behindern. Jede Bodenwelle ist die Hölle. Mir schießen Tränen in die Augen.

Irgendwann fängt es richtig an zu schütten. Aber wir haben Eisenach erreicht. Wir rollen zum Marktplatz. Dort holen wir uns die Startunterlagen ab. Das ist perfekt gelöst. Schnell schnappen wir uns im Festzelt unsere Frei-Ration Klöße. Lange halten wir uns nicht auf dort. Mit Andreas fahre ich nun noch 5 Kilometer zu einem hoch auf einem Berg gelegenen Hotel, welches für diese Nacht unser Quartier sein wird. Rolf und Reinhard haben eine andere Bleibe. Ich lasse das Rad einfach fallen, als es ans absteigen geht. Es ist mir unmöglich das rechte Bein zu heben ohne das ein irrer Schmerz durch den Rücken fährt. Wie ein alter Opa schleppe ich mich mit Andreas auf das Zimmer und versuche locker zu werden. Die Moral ist bei mir am Totpunkt. Arnica und Hypericum sind die Mittel, die ich erst mal einwerfe. Genau richtig für die Sache. Ich hoffte sie nicht zu brauchen. Zumindest noch nicht vor dem Rennen. Mühsam zerre ich die Klamotten runter. Andreas baut mich wieder auf. Unter der Dusche wird es schon besser und wir gehen zum Abendessen auf ein Bier.

Aus dem Fenster hat man einen phantastischen Blick zur Wartburg hinüber, die nachts angestrahlt wird und nun wie ein Märchenschloss aussieht. Es regnet  wie aus Kannen. Die Wälder dampfen und hüllen die Burg wie bei einer „Freischütz"- Aufführung in unwirkliche Schwaden. Aber das war vorhergesagt und wir hoffen auf Trockenheit am nächsten Tag. Wir machen uns lang. Die Anstrengung des Tages überrennt alles und schnell ist in unserem Zimmer Ruhe eingekehrt. Ich bete zu Gott, dass über Nacht ein Wunder geschieht und ich meine Knochen wieder besser bewegen kann.

Nach einer unruhigen Nacht, bei der ich bei jeder Bewegung munter wurde, macht die POLAR um 4 Uhr Radau. Hoch den Body! Im Liegen fühle ich mich noch gut, was sich beim Aufrichten schlagartig ins Gegenteil verkehrt. So ein Mist... „Das wird nie was!" , denke ich.

Mühsam ziehe ich mir die langen Laufstrümpfe und die restlichen Klamotten an. Kaue deprimiert auf meinen ekligen Schnitten herum, die wir am Vorabend als Lunchpaket in die Hand gedrückt bekamen. Einen ordentlichen Kaffee hätte ich gebraucht...um munter zu werden und nochmal richtig aufs Klo gehen zu können.

Halb Sechs fällt hinter uns die Tür des Hotels ins Schloss und wir rollen in die Stadt hinunter, direkt zum Wuhling auf dem Marktplatz. Stopfen unsere Sachen und den Helm in einen großen Plastiksack, schließen die Räder ab und geben alles in einen von mehreren Post-LKW , die für alle Starter diese  Säcke dann zum Ziel bringen.

Es sind nur 5 Grad über null und feucht. Zum ersten Mal nach dem Sturz laufe ich vorsichtig ein paar Meter  auf dem Platz zwischen den Menschenmassen zur Probe. Erstaunlicherweise habe ich fast keine Schmerzen, solange ich die Wirbelsäule fest bekomme und keine Drehbewegung nach links mache. Einen Plan B hätte ich in dem Moment nicht gehabt. Aber den brauche ich nicht.

Mittlerweile ist es kurz vor sechs Uhr. Wir tippeln langsam in Richtung des Startbogens. Die Läufer stehen dicht an dicht und strahlen Wärme ab. So ist es nicht ganz so kalt. Die Elbländer grüßen nach links und rechts. Man kennt sich mittlerweile.

Ich schaue in die Gesichter der Leute die um mich herumstehen. Alles Menschen mit Entschlossenheit, aber auch Gelassenheit im Blick. Niemand dabei, der einen untrainierten oder unvorbereiteten  Eindruck macht. Alles schwingt in langen Wellen...ich selbst werde ruhig. Puls 75. Zuversicht keimt auf.

Mein Blick geht nach oben. Von dort wird Kraft kommen....Wie im Vorjahr beim Oberelbemarathon spüre ich die Energie von allen, die an mich denken... Ich drücke und küsse alle Talismane die ich am Körper trage. Auch die Namen meiner Kinder, die sie selbst mit Edding auf meinen Arm gekritzelt hatten. Auf einmal freue ich mich auf den Tag. Hey, ich stehe das durch. Überhaupt kein Problem! Acht  oder mehr Stunden Bewegung an frischer Luft sind geplant.

Ein Helikopter überfliegt den Platz und bleibt dann in der Luft stehen. Es werden Film- und Fotoaufnahmen gemacht. Das Ding macht einen Wind, dass es mächtig kalt wird. Aber nun ist es sechs Uhr. Der Startschuss fällt. Ich dachte zwar, dass runter gezählt wird, aber darauf wurde verzichtet. Wahrscheinlich war der Moderator abgelenkt, weil der Startbogen langsam in sich zusammenzusacken begann.

Das laute, ständige Fiepen der Zeitmessanlage habe ich noch eine Weile im Ohr, als wir durch Eisenachs Innenstadt laufen. Die Massen wälzen sich durch die Straßen. Die Strecke schlängelt sich bereits jetzt eine steile Gasse hoch, bis sie dann durch Vorgärten und Parkanlagen die Stadt verlässt und in den Wald abtaucht. Bis zum Großen Inselsberg steigt die Route nun auf 23 Kilometern beständig an. Von 210 Höhenmetern geht es hinauf auf 916 hm. Es wird noch kälter. 4Grad sind es nun. Manche laufen in kurzen Hosen und nur einem Trägerhemd. Wahnsinn! Ich selbst habe drei Schichten Trikots an und friere wieder wie ein Schneider. Meine Hände sind irgendwie geschwollen und eiskalt. Der Motor ist noch nicht angesprungen und es drückt der Bauch. Andreas habe ich vorerst verloren, was aber nicht so tragisch sein soll, denn wir bewegen uns vorerst mit gleichem Tempo und werden uns früher oder später sehen. Rolf und Reinhard sind erwartungsgemäß davon gezischt. Das Feld ordnet sich langsam. Andreas taucht auf und wir laufen nebeneinander. Er fühlt sich nicht besonders, meint er. Also genau wie bei mir. Der Weg wird nun schmal und wieder sind wir getrennt.

Die erste Verpflegung mit Getränken kommt. Weiter. Irgendwie springt meine Maschine nicht an und ich bekomme erste ernste Zweifel, ob ich weitermachen kann. Die Hüfte macht wenig Sorge. Eher schon mein Bauch, der sich nun heftig meldet. Eine Weile, bis Kilometer 17, versuche ich das Missbehagen auszublenden, aber dann biege ich doch ab in die Büsche...

Ich lasse mir Zeit. Andreas ist nun weit enteilt, das ist mir klar. Er ist so ein guter Läufer – das war´s dann! Nun werde ich alleine weiter laufen müssen. Jetzt schon. Ich reihe mich wieder in die endlose Kette ein und versuche meinen Rhythmus zu finden. 5 Kilometer weiter merke ich endlich, wie mein Körper warm wird und es angenehm vorwärts geht. Keine Bauchschmerzen mehr. Die Hüfte ist fast nicht zu merken – nur wenn ich tiefer trete als gedacht oder bei besonders großen Steinen oder Wurzeln. Die Laufzeit pegelt sich bei 5:30min/km ein. Für meine Begriffe zu schnell, aber ich nehme schon bei dem Tempo ein wenig raus. Also lasse ich es so weiter rollen. Bei den heftigsten Anstiegen gehe ich hoch – wie die meisten. Es bringt nichts jetzt schon da hochrennen zu wollen. Die Strecke habe ich ja gestern gesehen und weiß im Groben was da noch kommt. Und so schmilzt die Zeit dahin, die Kilometer. Es wird zögerlich wärmer.

Genug Gelegenheit auch, die Mitstreiter ausführlich zu studieren. Urige, fast skurrile Typen sind dabei.

Wurzelmännlein mit altmodischen Laufklamotten. Einer mit Sandalen. Viele mit Zehenschuhen, die hier nun wirklich nicht geeignet sind. Viele ältere und wirklich Alte, die sich in abenteuerlichsten Laufstilen vorwärts bewegen und doch nicht unwesentlich langsamer sind als ich.

Ganz besonders beeindruckt mich ein Pärchen. Der Mann hat seine linke Hand auf der Schulter der Frau. Auf seinem gelben Trikot sind drei Punkte gedruckt. Darüber steht „BLIND".

Was für eine Leistung von Beiden! Sie sagt ihm die Strecke an. Mit welchem System ist mir schleierhaft. Ich setze jeden Schritt anders, weil der Untergrund der reinste Cross ist.... Im Vorbeirennen halte ich meinen Daumen nach oben. Das sind die wirklichen Helden – die harten Hunde. Nicht der Typ, der dann am Ende den Lauf gewinnen wird!

Die Verpflegungsstände sind willkommene Abwechslungen. Keine lasse ich aus, auch wenn ich nicht hungrig oder durstig bin. Wasser, Cola und warmer Tee. Bananenstücken, sogar eine Fettbemme kommt  nach ein paar Stunden in meinem Magen an, weil mir das Süßzeug irgendwann nicht mehr schmeckt. Ich erwarte eine heftige Körperreaktion, weil ich an Wurst und tierisches Fett schon lange nicht mehr gewöhnt bin. Es passiert nichts. Es scheint, dass alles was ich mir einwerfe in Sekunden verbrannt wird. Eine besonders leckere Sache aber ist der „Schleim", der nichts anderes als Hafergrieß mit Fruchtverbesserung ist und jedes noch so tolle Gel alt aussehen lässt. Zitronenscheiben mit Salz will ich nicht probieren. Aber das Salz kommt auch gut im Tee oder Wasser.

Mehrere Straßenquerungen gibt es. Die Polizei regelt den Verkehr. Das DRK und die Bergwacht stehen parat, um Verletzungen zu behandeln. Die Organisation ist perfekt.

Die alle 5 Kilometer aufgestellten Entfernungstafeln fliegen vorbei. Rolf meinte auf der Anreise, dass man auf der „Ebertswiese" bei der Hälfte der Strecke, eigentlich noch die Frische eines lockeren 5 Kilometerlaufs haben sollte. Ab hier könne man dann über die Gestaltung der Reststrecke nachdenken. Ich komme bei Kilometer 37,5 tatsächlich wenig gezeichnet an. Die Verpflegung dort ist reichhaltiger als die bisherigen. Essen, trinken, weiter!

Kilometer 42,2. Marathondistanz. Ach was, schon? Da schaue ich doch mal auf die Uhr. Gut, vier Stunden 20 min sind nicht der Brüller. Aber ich war ja noch im Busch...und teile mir ja die Körner zu. Also ist die Zeit schon ganz ok., denke ich. Körpercheck: Alles grün! Beruhigend.

Kilometer 45. Kilometer 50. Bergauf, bergab... Leute beobachten. Meine Gedanken schweifen hin und her. Ich genieße die Aussichten in die Täler des Thüringer Waldes, die sich ab und an auftun... Mehrere Fotografen haben mich schon „abgeschossen". Einige habe ich bemerkt und mache dann ein freundliches Gesicht.

Die Sonne hat sich wieder ihren Platz am Himmel zurückerobert. Meine Frierattacken sind vorbei. Warm ist mir deswegen trotzdem nicht. Manchen rinnt der Schweiß und andere sind mit Salzflecken übersät. Ich bin heilfroh, dass ich eine Mütze auf habe.

Meine Aufmerksamkeit wird mit einem Mal wie mit einer Nadel in den Hintern gepickst: Vor mir wackelt ein blaues Trikot mit SV ELBLAND und „fournes" – der Praxis-Werbung meiner Frau, mit der wir Andreas´und mein Trikot bedruckt hatten.

Nach mehr als 30 Kilometern habe ich ihn endlich wieder gefunden. Ich freue mich und lege ihm meine Hände kräftig auf die Schultern. Er lächelt gequält. Kurz nach der „Ebertswiese" hat er sich seinen linken Knöchel verknackst und leidet seitdem heftig bei jedem Schritt. Natürlich bleibe ich bei ihm und versuche ihm dadurch etwas Gutes zu tun. Auch reiche ich ihm ein paar Globulis, die Schmerzen und Stauchungen usw. entgegenwirken. Die nächste Verpflegung ist dann schon bei Kilometer 55 der „Grenzadler". Hier ist auch der Punkt, an dem man theoretisch mit einer offiziellen Zeitnahme aussteigen könnte, ohne disqualifiziert zu werden. Andreas schüttet den Dreck aus seinen Schuhen und kommt fast nicht mehr hinein. Auch die Zehen sind aufgerieben und geschwollen. Aufgeben oder aussteigen kommt nicht in Frage, trotz allem! Harter Hund!

Einen langgezogenen Anstieg  gehen wir gemeinsam hoch. Er meint ich solle weiter mein Tempo laufen. Er komme schon zurecht und würde auf alle Fälle finishen, egal wie lange er dafür bräuchte. Mir ist dabei nicht wohl zumute. Ohne ihn wäre ich nicht hier dabei beim Rennsteiglauf. Er ist seit Jahren mein großes Vorbild und ihn jetzt hängen zu lassen wäre nicht recht und fair.

Noch ein paar hundert Meter bleibe ich bei ihm, bis er meint ich solle verschwinden. Ich würde ihm die Ruhe nehmen. Klar, ich kann mir vorstellen was in ihm vorgeht und wahrscheinlich macht es ihn wirklich nervös wenn ich immer nach ihm schaue, um nicht zu weit voraus zu laufen. Na gut! Wir umarmen uns und ich mache mich langsam aus dem Staub.

Ich laufe und laufe. Kilometer 60. Reinhard taucht auf. Wir wechseln ein paar Worte bei der Verpflegung. Er ist ein sehr guter Läufer, der regelmäßig in seiner Altersklasse Preise abräumt. Auch auf dem Rad ist er Spitze. Mehrfach „Ebersbach" gewonnen und ist auch schon zwei Mal die „Elbspitze" mitgefahren. Im Vorjahr hatte er sich mit einer gereizten Sehne mehr als  10 Stunden auf dem Rennsteig gequält. Heute läuft es gut, aber er teilt sich die letzten Kilometer ein.

Nach einem steilen Anstieg bin ich voraus und nehme die letzten Kilometer ins Visier. Die „Schmücke" –Verpflegung bietet nun Bier als Stärkung an. Ich bleibe lieber bei meiner bisherigen Verpflegung und halte mich nicht weiter auf. Schmale Singletrails, Wurzelpassagen, Hohlwege mit großen Steinen.... Ich will meine Reserven nicht zu früh verbrennen, aber irgendwie habe ich aufgelegt und das Feuer prasselt... Überhole ich einen Läufer, fixiere ich schon den nächsten und laufe auf ihn auf. Langsam könnte aber mal ein Schild mit der Kilometerangabe kommen. Den Jungs um mich herum geht es ähnlich. Nach einem relativ langen und mäßig abfallenden Stück Strecke, windet sich der Weg wieder steil nach oben. Diejenigen, die mit mir mithalten konnten, fangen an zu gehen. Mentale Probleme. Ich laufe weiter. Soweit ist es bei mir Gott sei Dank noch nicht. Auch ein Typ mit einem Radtrikot läuft weiter. Er fragt mich, ob ich auch unter 8 Stunden einlaufen will. Darüber hatte ich mir im Vorfeld wirklich keine Gedanken gemacht. Ich wollte nur überleben. Beim Blick auf die Uhr und einer kurzen Überschlagsrechnung wird klar, dass es verdammt eng werden könnte. „Wir müssten da die nächsten fünf Kilometer unter 5:30 min/km laufen. Ich glaube nicht, dass ich das durchhalte! Aber wir können´s ja mal gemeinsam versuchen!"

Die Strecke ist nun wieder flach und wir machen Tempo. Nach ein paar Minuten schaue ich auf die Uhr, die mir 4:45min/km anzeigt. Letzte Verpflegung. Noch vier Kilometer. Weiter. Es geht nun leicht bergab. Gas steht. Letzte Straßenquerung. Haarnadelkurve, die ich zu eng nehme. Ich muss einen Riesensatz machen und springen. PENG! Meldet sich die Hüfte... Mir treten kurz die Augen aus dem Kopf, dass man die mit einer Zaunslatte abschlagen könnte...

Wir sind nun auf Nebenstraßen in Schmiedefeld unterwegs. Verwinkelte Strecke ohne Kilometerangaben. Eine Gartenanlage. Ich sehe auch kein Ende und schaue auf die Uhr. Verdammt knapp. Noch schneller! Hinter mir ruft der Mistreiter jeden Zuschauer an, wie weit es denn noch sei. Eine Musikanlage dröhnt und ich kann den Stadioneingang erahnen. Mit Vollgas gehe ich auf die Zielgerade und kann von weitem die Digitaluhr erkennen. 7:59:26 sehe ich und sprinte wie ein Irrer bis zum Zielstrich. Ich habe so viel Schwung, dass ich im zu kurzen Auslauf auf einen Mann knalle, der da rumsteht. Er nimmt es mir nicht krumm. Laut Datenauswertung meiner Polar habe ich mit 2:33min/km den schnellsten Kilometer gemacht. Es muss der letzte gewesen sein. Am Ende war ich in der Gesamtlaufzeit noch eine Minute schneller. Ich hatte die Bruttozeit als Nettozeit angenommen. Na ja.

Ich bekomme die Finisher Medaille umgehängt und tanke erst mal Wasser. Bis ich dann mein Finishertrikot abgeholt und meinen Transponder abgegeben habe, mein Freibier getrunken und schließlich meinen Klamottensack gefunden habe, vergeht natürlich Zeit. Beim Umziehen komme ich nicht an meine Füße. Die Hüfte ist ein einziges AUA. Ich lasse mich einfach umfallen und schäle mich im Liegen aus den Schuhen und ziehe mir warme Sachen über. Bestimmt fünf Minuten bleibe ich mit ausgestreckten Armen liegen.

Lutz hat mich nach langem Suchen endlich gefunden. Die anderen warten und wollen nun ins Quartier und danach in die Kneipe. Klar! Wie aus Holz steige ich aufs Rad und eiere Lutz hinterher. Oben auf dem Platz treffen wir alle zusammen. Ein Fotograf will mit uns noch Bilder machen, als er hört, was wir in den letzten beiden Tagen veranstaltet haben. Auch das ertragen wir noch. Genau wie den Rückweg zum Quartier, der wieder hinauf zur Schmücke führt, um dann in einer wilden Schussfahrt zu enden.

wilischlauf 12 6 2Für jeden steht ein Bier bereit. Wir stoßen auf den Erfolg an. Andreas lief trotz der Schmerzen neue persönliche Bestzeit von 8:06:38h . Reinhard kam auch gut durch und verbesserte seine Zeit auf 8:09:00 Stunden. Rolf ist mit 7:11h 20ster in seiner AK und Kathrin war auf der Marathonstrecke 6ste in ihrer AK! Lutz war nicht fit genug um zu starten – beim Einlaufen am Donnerstag hatte auch er sich vertreten. Dafür hatte er Fotodienst und war als Kneipenscout unschlagbar.

 Irgendwie bin ich leer an diesem Abend. Mir geht es eigentlich gut. Nur der verrenkte Rücken ist zu merken. Duschen. Essen. Schlafen. Meine Wünsche für die folgenden Stunden.

Am nächsten Tag, auf der Rückfahrt im Auto wird mir langsam bewusst, was ich da gemacht habe. Moment: Was ICH da gemacht habe? Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass ich selbst gar nicht gelaufen bin. Ich war mehr ein Passagier, der in meinem Körper wie aus dem Führerstand einer Maschine geschaut hat und keinerlei größere Schmerzen erleiden musste. Randvoll mit der Energie derjenigen, die mir diese zukommen ließen, habe ich eine gute Leistung zustande gebracht. Dafür bin ich dankbar und hoffe, diese Energie – oder was man dafür noch für Bezeichnungen verwenden kann -  auch wieder zurückgeben zu können!

Bei solchen Aktionen kann man nur demütig, aber auch gelassener werden, seine Umwelt ab dann genauer und sensibler wahrnehmen. Man gewinnt den besseren Durchblick im Leben, weil der Sport eine Metapher auf selbiges ist. Sicherlich geht es nicht nur mir so.

Das ist es wahrscheinlich auch, was ich bei den Sportlern am Start in Eisenach spürte. Diese wissende Gelassenheit der großen Herausforderung gegenüber.

Auf der Suche nach dem Echten und Wahrhaftigen bin ich wieder fündig geworden, was mich mit tiefer Dankbarkeit und Freude erfüllt. Die nächsten Herausforderungen warten schon. Aber egal was da noch kommt, ich weiß, dass alles machbar ist, wenn man nur fest daran glaubt, dass dies möglich ist.

jpf

PS: Heute kam im Deutschlandfunk ein Bericht über Läufe über 200 oder 260 Kilometerdistanzen in Frankreich oder Deutschland.... :o).....

PS2: Bilder des Grauens von mir unter: foto-team-mueller.de 

 

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