Start VereinsBlog Alp d`Huez in Kleinschönberg

Alp d`Huez in Kleinschönberg

 

Wolfgang  Zwar hält mich sicher. „Noch 60 Sekunden.“

Mein Blick geht nach unten. 53/21 habe ich gekettet. Das sollte reichen, um bis fast zur höchsten Stelle der ersten Welle – dem Kopfsteinpflasterberg- zu kommen.

„Noch 45 Sekunden.“ Pedalplatten fest eingerastet? Noch mal kurz die Kurbel zurückgedreht. Dehnungsübungen der Halsmuskulatur. „Noch 30.“

Wie langsam Sekunden vergehen können. Seltsam. Reißverschluss hoch. Die Beine fühlen sich gut an.

 

„Noch 15.“ Ich atme tief ein. Umklammere den Lenker. Pumpe die Luft wie ein Freediver vorm Tauchgang. „5, 4,3, 2, 1…LOS!“

012p1010901Wie vom Katapult geschossen spuckt mich das Starthäuschen aus und ich spurte den Berg hoch, als ob das Ziel 100 Meter entfernt wäre. Das Pflaster ist kaum zu spüren – so schnell bin ich dort noch nie hoch. Erstaunt wie leicht alles geht, trägt mich der Schwung wie gedacht bis fast ans Ende des Kopfsteinpflasters auf der Kuppe.

Jetzt heißt es zum richtigen Zeitpunkt schalten. Den Druck am Pedal immer auf Vollast beibehalten und die Ideallinie finden. Keinen Zentimeter zu weit fahren!

Nicht so leicht heute. In der Nacht sind Starkregen in den Linkselbischen Tälern niedergegangen, die von den Feldern Erde und jede Menge Splitt aus den Straßengräben auf unsere Rennpiste gespült haben. Äste und Blätter verwandeln das schmale Asphaltband in eine rutschige, holprige Bahn.

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Zum Glück bin ich mit André die Strecke vor dem Rennen abgefahren. Wir kennen nun die gefährlichsten Stellen.

Mittlerweile geht mein Biokraftwerk die Sauerstoffschuld ein. Ich reiße Nase und Mund auf, um für meine Muskeln an das begehrte Gas zu kommen.

Alle Regler stehen auf Rechtsanschlag. Die Strategie des Vorjahres, im ersten Turn nicht alles zu geben, um im zweiten Umlauf noch Reserven zu haben, habe ich heute verworfen. Heute gebe ich bereits im ersten Lauf alles.

Maximalpuls 184 zeigt meine Uhr am Ende. 100%.

Durch das finstre Tälchen hindurch, bei moderater Steigung,  komme ich nun zur Brücke nach Kleinschönberg. Im 90 Gradwinkel zweigt die Straße ab. Auf der alten Brücke liegt wieder Kopfst016p1010908einpflaster eingerahmt von geschlitzten Eisenplatten. Wer dort stürzt, was nicht allzu schwer hinzubekommen ist, trifft entweder die Bordsteinkante oder die Mauer auf der Brücke.

Ich hole einen weiten Bogen in voller Fahrt und zirkle im Zentimeterabstand an der Bordsteinkante auf der Ideallinie entlang. Sofort folgt ein steiler Anstieg durch die Ortschaft. Dort beginnt die eigentliche Quälerei. Hinter mir fährt ein Auto. Eine Holzknarre ist zu hören. „Aha, jemand feuert mich an...“ Bloß wer? Ich drehe mich kurz um, aber erkenne niemand. Es ist Martin und Marlen, was ich aber erst später realisiere.

Das Geräusch bleibt zurück. Mittlerweile habe ich den bekannten Zustand der Agonie erreicht, in dem ich nur noch ein immer kleiner werdendes, verschwommenes Blickfeld habe. Im Wiegetritt weit nach vorn über den Lenker gebeugt hole ich aus dem ganzen Körper Kraft, um schneller das Ende der Ortschaft zu erreichen. Ich schalte noch einen Gang hoch. Dem Riesen, der mich in seiner Faust zerdrücken will, stemme ich mich mit aller Macht entgegen….

Endlich ist das offene Feld erreicht. Es wird leicht flacher. Gang um Gang lege ich auf. Nicht nachlassen jetzt!017p1010909

Angenehm, dass heute der fast immer vorherrschende Seitenwind fehlt. Auch sonst sind mir die 18 Grad und das feuchte Wetter nicht unpassend.

Nun bin ich fast am Ziel. Der Bergstation des Stoppomat, oben am Steinbruch. Ich horche in die Beine und lasse das große Kettenblatt einfach stehen. Der Zielstrich kommt unaufhaltsam näher. Schlußsprint an Hilli vorbei, die die Zeit nimmt und den Computer bedient. Mein linkes Knie will glatt durchbrechen.

Weit muss ich ausrollen, um nicht zu kollabieren. Erst jetzt merke ich, dass mir die Rotze im Gesicht klebt. Hoffentlich hat mich Keine(-r) so gesehen.

Da fällt mir ein, dass André ja hinter mir gestartet ist und auch gleich rein kommt. Zurückgerollt, mit nun schon normaleren Pulswerten, schreie ich ihn auf den letzten Metern ins Ziel. Er sieht nicht gut aus. Dafür ist die Zeit super! 10:04 min. Meine ist mit 10:07min; für mich geradezu sensationell. Persönliche Bestzeit. Fühlt sich klasse an!

Nun kurbeln wir locker zurück zum Start. Allerdings nicht018p1010910 den direkten Upway runter, sondern einen weiten Bogen von ca.5km fahrend hinab ins Tal nach Constappel.

Wir sehen aus wie die Grabenkämpfer. Nass bis auf die Haut und schmutzstarrend wie sich suhlende Schweine. Vor unserem Bus ziehen wir uns trockene Sachen an, trinken Tee und halten uns für die nächsten 25 Minuten warm. Dann beginnt der zweite Lauf. Mittlerweile bekomme ich Zweifel, ob und wie ich da nochmal in vernünftiger Zeit den Berg hinaufkommen soll.

 

Um es vorweg zu nehmen: Es – oder besser ich – funktioniere überraschend gut.

Ich mache wieder alles genauso wie vorhin. Mit Ausnahme, dass ich in den gefährlichen Kurven im Tal, bei denen ich im Turn 1 noch einen Tritt ausließ, nun voll das Gas stehen lasse.

In Kleinschönberg sehe ich aus meinem Augenbrei unsere Vereinsfarben leuchten. Erkenne dann Martin und Mareen, die mit allerlei Radau Stimmung machen. Unsere Namen sind mit Kreide auf den Asphalt geschrieben… KLASSE! 021p1010913

Wie muss das nur sein, wenn man durch ein Spalier von Fans fährt, wie bei der Tour?

Schade, dass man in DER Situation nicht reagieren kann. Außer mit noch mehr Leistung! Und auf jeden Fall hat mir das zusätzliche Energie gegeben, als ich so vorbeifahrend angefeuert wurde. Sofort ging ich in den Wiegetritt und startete eine Attacke. Weit kam ich damit zwar nicht, aber doch ein Stück schneller als gedacht vorwärts.

Wieder Endspurt im dicken Gang. Wieder nach der Zeit fragen und André antreiben…

 

Ungläubig realisiere ich, dass ich wieder meine Zeit auf die Sekunde eingefahren habe und zwei Sekunden schneller als André in der Gesamtzeit bin.

Unglaublich! Dabei muss ich aber zu seiner Ehrenrettung sagen, dass er durch seine Viruserkrankung in den Vorwochen nicht zu 100% fit ist. Ich freue mich über unsere Zeiten und dass nichts an Stürzen oder sonstigem passiert ist.026p1010918

Mit unseren Freunden vom SV Elbland feiern wir unsere Erfolge und die gelungene Veranstaltung. Beim ersten Bier setzt der im Radio angekündigte Starkregen wieder ein. Wir sitzen noch lange und fachsimpeln. Genießen den Tag.

Danke an alle, die uns das ermöglicht haben!

Wir sehen uns hoffentlich im nächsten Jahr wieder! Vielleicht noch besser vorbereitet. Auf jeden Fall motiviert.

 

011img 1947

 

JPF


 


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