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Stilfser Joch - eine "Urlaubstour"

Man kann seinen Urlaub ruhig am Meer verbringen, gemütlich Wandern gehen, mit dem Auto durch die Gegend kutschen oder "ein bischen" Fahrrad fahren. Nicht so unser Jean-Pierre... [Eric]

Am 21. Juli machte ich mich im ersten Tageslicht viertel sechs im Sarntal auf, den 3. höchsten befahrbaren Pass der Alpen zu fahren. Das “Stilfser Joch“ mit 2758 m über dem Meer. Dummerweise ist oder war der Sommer 2011 irgendwo anders, aber nicht in Europa.

Die vorangegangenen Tage wechselten sich Regenschauer und vom Wind zerpflückte Wolken mit Sonnenschein ab. Die Temperaturen blieben aber immer hinter jeglichen Erwartungen zurück. Am 20.7. wurden -5 Grad für das „Stilfser Joch“ gemeldet. Und so musste ich mich gedulden, um einen günstigen Tag für meine Spritztour zu finden. Doch dann prophezeiten die Wetterfrösche Südtirols den oben genannten 21.7. als einen freundlichen Tag voraus. Vom Urlaubsquartier rollte ich fast 40 Kilometer bis Bozen nur bergab, um dann auf der Landstraße und auf einem Radweg durch endlose Apfelplantagen fahrend, nach Meran zu kommen. Dort hatte ich leichte Orientierungsschwierigkeiten. Schlecht lesbare und zu unauffällige Ausschilderungen stellten mich da vor gewisse Probleme. „Ein Navi fürs Rad „ ging mir da durch den Kopf… Nachdem mich eine nette, verblödete Dame radebrechend in die falsche Richtung schickte und ich nach 5 Kilometern diesen Irrtum bemerkte, drehte ich leise fluchend mein Rad um 180 Grad und war nun auf dem Weg ins Vinschgau – einem langgezogenen Tal, was mich bis zum Anfang der Straße hinauf zur Passhöhe führen sollte. In Meran war auch mein Ziel, der „STELVIO“ ausgeschildert. Mit 98 Kilometern. Bis Meran hatte ich schon 70 km auf der Uhr. Es war noch früh am Tag, aber meinen Plan, den Rückweg über den „Jaufenpass“ zu nehmen und mich dann in Sterzing abholen zu lassen, verwarf ich nach einer kurzen Überschlagsrechnung. Alles andere wäre Größenwahn á la A. Hitler gewesen, bzw. es würde einfach zu spät und eben dunkel werden. An Licht hatte ich nur LED-Minis mit…. Am Anfang versuchte ich noch auf der SS 38 zu bleiben, aber nachdem ich einen 3 Km langen Tunnel durchfuhr und ich das als nicht sehr lebensbejahend einstufte, fand ich auch den Radweg entlang der Etsch. So heißt der Fluss, der durch das Vinschgau fließt. Die stetige, kaum spürbare Steigung zog dann doch gewaltig Energie aus den Beinen. Doch die Sonne schien aus voller Kraft und es war angenehm warm. Ungewohnt fast. Nach mehreren Schotterpassagen war ich kurz vor Prad. Dem Örtchen, das am Eingang zum Pass steht. Als ich in einem schicken Radladen noch zwei Gel kaufte, wünschte mir der Verkäufer noch mit einem schelmischen oder diabolischen Grinsen „Viel Spass!“, als ich ihm sagte wohin ich wollte. "Danke, den werd´ ich haben!", dachte ich bei mir. Das Ortseingangsschild des nächsten Dorfes hatte ich nicht bemerkt, fiel erst mal bei einem Bäcker ein, weil ich merkte, dass ich schon "auf Fett" fuhr und stopfte mich mit drei Pfannkuchen – sorry!, „Krapferln“ – voll. Dabei fielen mir auf einmal die Rennradfahrer, Mountain- und auch Trekkingbiker auf, die andauern vorbei rollten. Als ich wieder im Sattel saß und meinen Tritt wieder hatte wusste ich, dass ich „DA“ war. Die Strecke führte unverkennbar bergan. 129 Kilometer hatte ich bis dahin abgespult. Die zwei Renner die ich eben überholt hatte, hingen nur kurz an meinem Hinterrad. Dann war ich allein und eine Galerie überspannte die Straße. Kurze Zeit später schloss ein Fahrer mit dem Schweizer Trikot zu mir auf und wir begannen im Anstieg zu schwatzen. Sascha kam aus Würzburg, eigentlich aus Halle, und machte Urlaub bzw. trainierte für den „Ötztaler Marathon“. „Viel muss er nicht mehr trainieren!“, dachte ich, als ich seinen Tritt sah. Durchtrainiert. Topmaterial. Perfekt. Ich sagte ihm dann, dass er wahrscheinlich nicht lange mit mir als Wegbegleiter rechnen musste. 47 (!) Kehren waren es bis zum Gipfel. Mit meiner Heldenkurbel (also 53/39, statt 50/34 Compakt) hatte ich natürlich Probleme auf eine muskelfreundliche Drehzahl zu kommen und wuchtete die Pedale schon mit Mühe. Der Rucksack (ohne ging aber auch nicht) drückte ordentlich. Doch bis Kehre 25 lief alles gut. Die Straße ist so steil, dass man in den Kehren mit Schwung durchfahren muss. D.h. ich war schon mit viel Kraft und 40-45er Frequenz am treten und musste dann immer mit dem Wiegetritt kurz Vollgas geben und dann im Sitzen weiter. Bei Kehre 24 machte ich das auch wieder. Nur dass meine linke Wade gar nichts von einer erneuten, abrupten Krafteinleitung in die Kurbelgarnitur hielt und komplett „zu“ machte. Das Bein war wie aus Holz. Sowas hatte ich noch nie. Sensationell! So konnte ich den unglaublichen Verkehr „ genießen“, der sich zur Passhöhe quält. Autos, Wohnmobile, Selbstdarsteller mit Cabrios und Motorrädern aus aller Herren Länder. Ja sogar ein Linienbus fuhr hier. Besonders die Biker mit ihren ausgeräumten Essen waren meine Lieblinge. Soll sie der Teufel holen!!! Nach einem Gel, Wasser und Dehnungsübungen samt perfekt vorgetragenen Schauspieleinlagen aus dem Stück „Mirgeht’ jasowasvongutundichhabeeigentlichkeineProblemeund beschauemirnurdieLandschaft…“ schickte ich mich selbst auf die letzten Kurven bergan. Mittlerweile war die Sonne verschwunden. Die Felsen der gegenüberliegenden Berge waren basaltgrau. Die Luft wurde immer dünner und es kühlte schnell ab. Als ich meinen Puls checken wollte sah ich, dass die Anzeige auf „null“ stand. Das Herz war deutlich zu spüren, also war irgendwas mit der Uhr…. Gerade in der Situation wollte ich aber meine Pulswerte wissen. Eine Weile überlegte ich, doch dann hielt ich an und versuchte den Sender in eine andere Position zu bringen. Wie ich so an mir herumfingerte überholte mich eine Mountainbikerin und schaute interessiert zu mir herüber. „Mir ist gerade der BH aufgegangen!“ sagte ich. Mit prustendem Lachen meinte sie zurück:“Moagst mein´hoam?“ Hmmm.!!! Dummerweise fehlte mir in dem Moment die nötige Schlagfertigkeit, um auf das Angebot einzugehen. NATÜRLICH hätte ich mit ihr getauscht, wenn dadurch meine Pulsanzeige wieder funktioniert hätte. Und überhaupt….. Stattdessen gab ich resignierend alle Bemühungen auf. Das Ding war tot. Also der Sender von meiner Polar selbstverständlich! Die Krämpfe waren verschwunden und ich kämpfte nun doch um jede Kehre, jeden Meter. Seltsam daran war, dass ich Luft und Kraft hatte. Nur irgendwie war alles „gebremst“. Der magische Magnet der Hangabtriebskraft hing mir am Allerwertesten. Irgendwann war ich auf der Passhöhe und es begann zu regnen. Kein innerer Jubel, keine Siegerpose……… kein tobendes Zuschauerspalier wie beim Giro… Stattdessen nur albern aussehende Motorradfahrer in ihren Enterprisekostümen. Fast 2,5 Stunden war ich im Anstieg. Einem Tifosi drückte ich meine Kamera in die Hand, um wenigstens einen kleinen Beweis für mein selbstgewähltes, sportliches Elend zu haben. Plötzlich war auch mein Begleiter wieder da. Er hatte sich bei meinem Notstopp, mit dem Hinweis auf mich zu warten, verabschiedet. Das freute mich sehr, ihn wieder zu sehen! Zu Zweit machte das mehr Spaß. Gemeinsam machten wir uns auf dem Klo einer Kneipe die Flaschen voll. MIT WASSER!!! Natürlich! Der halbe Liter sollte an einem Stand 2,50€ und eine Wurst 5€ kosten. Schnell kehrten wir diesem Rummelplatz den Rücken und fuhren in die Schweiz zum „ Umbrailpass“, um von dort in freiem Fall zurück ins Vinschgau zu kommen. Aus dem Regen wurde nun Hagel. Ich nahm das teilnahmslos hin. Keine Schutzmöglichkeit in Sicht. Am Pass hatte ich mich warm eingepackt. Aber Sascha hatte nur kurze Handschuhe und Hosen. Also machten wir schön piano. Dann wurde aus dem anfänglich schlechten und welligen Asphalt auch noch Schotter…..5 Kilometer. Von wegen die Schweiz hat die besten Straßen Europas. Ha! Ein Witz! Dann jedoch war die Straße perfekt. Schade, dass so schlechtes Wetter war. Die Abfahrt ins Tal wäre bei trockener Gasse eine kurvig-rasante gewesen. Langsam drehte jemand den Hahn ab und die Wärme kam zurück. Sonne! In Südtirol angekommen stellten wir unseren Koffeinspiegel mit zwei ordentlichen Cappuccino wieder her und nahmen Generalkurs auf Meran. Die Regenklamotten konnten nun verstaut werden. Den Radweg, der vom „Reschenpass“ weiter oben kommend nach Meran führt, hatten wir schnell gefunden. Er führt an einer Koppel entlang, die mit einer Beregnungsanlage be- oder besser ertränkt wurde. Diese Wasserwerfer haben normalerweise ein Prallblech angebaut, damit das Wasser in einem gewissen Winkel verspritzt wird. Bei allen diesen Dingern fehlte das Blech und der Weg wurde natürlich mit unter Wasser gesetzt. Dummerweise war diese Selbstschussanlage auf einem Kilometer Länge aufgebaut. Durch das Geschlängel des Weges sahen wir das natürlich nicht, oder zu spät. Nass waren wir nun schon eh. Mit Vollgas stiebten wir durch die Gischt von.. ähhhh… hatten wir Salzwasser auf den Lippen??? Mit der Gewissheit, den EHEG-Erreger nun doch noch oral im letzten Moment seiner Verbreitung abgegriffen zu haben und dazu klatschnass, putzten wir erst mal unsere Brillen und rangen nach Worten. „Den Idioten von Bauern sollte man…“ usw. usf. Das Gegengift hieß Vollgas. Schnell wurden wir wieder trocken und knallten mit über 40 Sachen an der Etsch entlang. Sascha machte Tempo und ich hing mich dankbar in den Windschatten. So donnerten wir vielleicht 20-30 Kilometer bis Nauders, wo er sein Hotel hatte. Wir verabschiedeten uns und ich rollte unbeschadet in Meran ein. Die Regenfront die uns am STELVIO überrascht hatte und uns langsam gefolgt war, hatte ich nun an meinem Hinterrad. Die letzten Kilometer nach Bozen zogen sich etwas in die Länge. Es geht dort Kilometerweit geradeaus durch Plantagen und an einer Eisenbahnstrecke entlang. Rechts der Fluss. So war ich in gewisser Weise dankbar, dass ein Rennradler, der mit einer Zeitfahrmaschine für einen Triathlon oder eben ein Zeitfahren trainierte, am Horizont zu erkennen war. Nach 15 Kilometern hatte ich ihn endlich überholt….und schon war ich in Bozen. Mittlerweile setzte eine bombastische Sintflut ein und ich rollte an die Box. Zu einem Bäcker in der Innenstadt. Niemand sprach sächsisch dort und konnte mir den Weg ins Sarntal, zu meinem ZIEL erklären…. Mit meiner Frau telefonierte ich kurz und war erfreut, dass sie mir mit dem Auto auf Verdacht entgegengekommen war und nicht weit entfernt parkte. Nach 10 Minuten war ich bei ihr. Dankbar! Das Abenteuer „STELVIO“ war geschafft. 278 Kilometer und ein 26,4 er Schnitt, aber „nur“ 3000 hm standen im Tacho. Ein schöner Tag ging zu Ende! Was liebe ich Südtirol!!! Und für das Wetter kann ja Keiner.
Ach, und DANKE an meinen zeitweiligen Begleiter Sascha!!! Am nächsten Tag war wohl wieder Schnee. Dort oben an  STELVIO……….. JPF


 

 

hier noch ein Beitrag von Sascha vom Ötzi 2011

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