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Mythos „Vogtlandmarathon“

[12. Vogtland Radmarathon]

Der Dreck knirscht im Mund. Das kalte Wasser in den Schuhen läuft nach vorn, wenn ich spitz trete. Wassergischt umhüllt mich wie in einer Waschanlage für Autos. Aufgewirbelt vom Hinterrad meines Vordermanns. Und von den zehn Anderen Gestörten da vorn im Feld. Mein Lenkerband fasst sich an wie ein toter Fisch. Und ich fühle jedes Körperteil, um noch eine Stelle zu finden, die nicht nass ist.

Ich finde keine!

Die Schriftzüge am Rahmen und die Aufdrucke auf dem Hintern vor mir, der nur eine Armlänge entfernt ist, habe ich nun schon 100 Mal gelesen. Die Muskeln in den fast schon obszön prallen und gut trainierten und rasierten, auf und ab stampfenden Waden pulsieren in schöner Regelmäßigkeit. „Wie kann man als Mann so schöne Beine und so´n geilen Arsch haben?“, denke ich bei mir und bin ziemlich neidisch.

So fahren wir schon seit fast zwei Stunden. Wir haben noch fast vier vor uns…. Für die Landschaft hier kurz vor dem Fichtelberg habe ich keinen richtigen Nerv. Ständig muss ich hochkonzentriert sein, um mich nicht „aufzuhängen“. So richtig geradeaus fahren kann hier heute keiner. Löcher und sonstige gefährliche Hindernisse werden nicht angezeigt. Das bin ich sonst anders gewöhnt und gewiss „not amused“….

Dem Wasserstrahl zur Seite auszuweichen bedeutet den Windschatten zu verlieren. Das Tempo in der Gruppe ist so hoch, dass ich mich wieder einreihe. Und weiter von der Straße saufe wie bisher. Also versuche ich durch die Ohren zu atmen…

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altDass es uns heute noch so erwischen sollte war von Anfang an klar! Der Wetterbericht war der am meisten gelesene in den voran gegangenen Tagen gewesen. Wobei wir auch wiederum nicht die befürchteten Starkregen mit Sturm und Gewittern erleben müssen. Es ist noch 15 Grad „warm“ und es regnet nur leicht. Also ich bezeichne das so.

Am Start beim Sportplatz in Theuma waren die Straßen trocken. Von den gemeldeten 200 Startern zum “12. Vogtlandmarathon“ waren nur wenige gekommen. Mit den RTF-Startern waren es 85 Rennradler, die sich den Tag mit und auf dem Rad versüßen wollten.

Schade auch für unsere Freunde vom Radteam, die sich auf die Auskunft des Veranstalters vom Vortag verlassen mussten, dass Nachmeldungen nicht mehr möglich seien. Ein bis dato nie dagewesenes Phänomen. Eigentlich sollte diese Veranstaltung das Glanzlicht der Saison werden. Alles dumm gelaufen. Denn Nachmelden war nun plötzlich kein Problem mehr. Ironie der Geschichte…!

altMit mir war nur André so „schlau“ gewesen zu reservieren. Und so kam mir alles bekannt und vertraut vor, als wir gemeinsam mit der Masse in Richtung Fichtelberg rollten. Vor einem reichlichen Monat hatten wir ja bereits das gleiche Ziel angefahren. Bei selben Wetterverhältnissen.

Bis zur ersten Verpflegung in Mühlleiten auf einem kleineren Berg bei Kilometer 41 war es trocken. Doch in der folgenden Abfahrt ging der Regen los. Leicht zwar, doch stetig.

Ein Führungsfahrzeug hielt den Haufen zusammen. Bis eine Baustellenampel zum Anhalten zwang. Die Ersten der Gruppe ignorierten die Ampel und fuhren einfach weiter. Das war nicht sehr klug gewesen, weil ja nun das Führungsfahrzeug, was uns ja den Weg frei machen sollte weit zurück war. In einer nicht einsehbaren Linkskurve überholte das Auto bei hohem Tempo schließlich das Peloton. Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn Gegenverkehr aufgetaucht wäre! Da konnte man nur den Kopf schütteln.

Positiv: Begleitmotorräder sperrten die Nebenstraßen ab. Die Strecke war gut ausgeschildert. Schon jetzt fielen viele Fahrer ab, die das Tempo nicht mitgehen konnten oder gaben einfach auf, weil es eben nicht 25 Grad warm und sonnig war. Zur zweiten Verpflegung kämpften wir uns eine 14%ige Rampe hinauf. Zum Auersberg.

Bei super Kuchen und belegten Brötchen, Kaffee, Wasser und Cola konnten wir unsere Speicher wieder füllen. Nur war an eine größere Rast nicht zu denken. Alle waren triefend nass und wollten schnell weiter. So auch wir. Hinunter ins Tal trat ich voll in die Pedale, um etwas warm zu werden. 77 km/h zeigte der Tacho.

 

Nun ging die Jagd nach Höhenmetern erst richtig los. Lange und steile Anstiege. Rasante, glitschig - rutschige Schussfahrten wechselten sich ab. Die Hauptgruppe war schon längst in mehrere Grüppchen zerfallen. André war mit mir immer noch an vorderster Front. In den Abfahrten ließen wir es richtig laufen. So schnell wie wir war niemand, wenn es bergab ging.

Andere bewunderten uns sicher für unseren Wagemut, oder unser unglaubliches Können. Der wahre Grund war eher, dass uns das Geräusch beim Bremsen durch Mark und Bein ging. Man konnte förmlich spüren, wie das Wasser/Dreckgemisch gierig den Gummi fraß und das Alu der Felge. Also der Geiz befahl uns die Finger von der Bremse  zu lassen. .

In die entgegengesetzte Vertikale hatten die Anderen bessere Karten. Wir gingen nicht mit in die Führung, um nicht unnötig Energie zu verschwenden. Wir hingen schön hinten dran und ließen uns die Berge hoch ziehen. Wenig Heldenhaft, gewiss. Aber schlau! So funktionierte das bis kurz vor dem Fichtelberg. Dann ging ich vom Gas. Wir hatten bis dorthin einen irrwitzigen 31iger Schnitt. Auf Dauer war das heute nix für mich. Der Rucksack drückte auch sensationell auf mein Kreuz. André hätte ohne weiteres mit den Cracks mithalten können, obwohl er mit der neu montierten Heldenkurbel auch mehr Mühe hatte als sonst.

Dankenswerterweise blieb er bei mir und wir leierten weiter bis zum Gipfel des Fichtelbergs und damit zur dritten Verpflegung.

Das Plateau begrüßte uns in bekanntem Gewand: Regen, ordentlich Wind und 11 Grad.

Schnell stopften wir uns die Backen und Flaschen voll, hetzten weiter und traten aus Leibeskräften auf die Pedale ein, um in der Gegenrichtung hinunter nicht vollends einzufrieren. Ab VP 3 waren das Führungsfahrzeug und die Kräder raus aus dem Spiel.

Nun mussten wir ein ordentliches Stück auf demselben Weg wieder zurück, den wir uns zum Berg gequält hatten. Aber es lief sehr gut bergab und wir konnten Tempo und Strecke machen. Spätestens am nächsten Berg war es damit natürlich vorbei und ein Hammeranstieg holte uns wieder in die Realität zurück. Nun hatten wir auch wieder Fahrer eingeholt, mit denen wir zum vierten und letzten Verpflegungspunkt fuhren.

Nach dem vielen Zuckerzeug und der fettigen Folienwurst sehnte ich mich nach etwas deftigerem. Salzgurken suchte ich auch vergeblich auf den Tischen der fleißigen Helfer und dachte an das Angebot bei unseren RTF und dem Marathon, bei dem es sogar eine warme Mahlzeit gibt.

Von VP 4 sollten es noch finale 45 Kilometer sein. Das klang gut. Ich hatte keinen Bock mehr, war total leer. Alles ging nur noch zäh voran. Also quälten wir uns vorwärts. André meinte nun auch, dass er keinen richtigen Zug mehr an der Kette hätte. Die Übersetzung forderte ihren Tribut. Die Jungs, die wir am letzten Imbiss zurückließen, fuhren uns von hinten auf, als wir kurz „LULU-Island“ besuchten….also mal zum Pinkeln anhielten.

Mit äußerster Anstrengung bissen wir uns an deren Hinterräder fest. In Reihe schossen wir mit fast 40 dem Ziel entgegen. Dass die Anderen nicht mehr ganz frisch waren, mussten wir dann schmerzlich feststellen, als ein Mannschaftsmitglied vom gastgebenden Verein plötzlich ohne ersichtlichen Grund bremste. Wir fuhren ineinander und hatten viel Glück nicht zu stürzen. Die „Freude“ war natürlich riesengroß!

Aber sowas kann mal passieren. Schäden waren zum Glück nicht zu beklagen.

Nun folgte ein Gebolze – wahrscheinlich aus Wut oder Scham des Notbremsers. Natürlich wollte sich niemand die Blöße geben abreißen lassen zu müssen. „Das kann doch nicht wahr sein! Sind die total bescheuert???“, dachte ich bei mir.

André ging nun in den Wind! Ich hatte das dringende Bedürfnis zu heulen. Wir schossen dahin und es nahm kein Ende! Nach einigen endlosen Minuten hatte ich die Ehre und hielt das Tempo weiter hoch. „Mal sehen wie lange ich das aushalte.“, ging mir im Kopf herum. In mir leuchteten alle Warnlampen und ich nahm die Umgebung nur noch schemenhaft wahr. Keine Ahnung wie lange ich so dahin kämpfte, bis ich dann krepierend, kopfschüttelnd zur Seite fuhr. Doch dann – oh Wunder - platzten zwei der Vereinskameraden des „Bremsers“ weg. Dann noch zwei andere. Da waren wir nur noch Drei. Das Ziel war bis auf einen Kilometer herangekommen. Unangenehme Hügel und Gegenwind, aber immerhin Sonne, machten uns die letzten Meter nochmals schwer.

Den enteilten VRT-Fahrer mit seinem 5000 Euro-Rad konnte André kurz vor dem Ziel einfangen, was die als Empfangskomitee wartenden Kameraden natürlich nicht bejubelndswert befanden.

Mit einem ordentlichen Zielsprint gegen mich selbst – den ich natürlich überragend gewann – setzte ich den Schlusspunkt bei diesem Marathon. Durch eine Streckenänderung waren aus den anvisierten 200 km zwar nur 188 geworden. Dafür 3100 hm, also 100 hm mehr als angegeben. Mit einem 28,9er Schnitt war ich mehr als zufrieden.

Nachdem wir uns vor unserem Bus die total verdreckten und klatschigen Klamotten mit einem bizarren Striptease, der selbstredend von diversen Publikum begutachtet wurde (war mir scheißegal!) vom Körper zerrten und uns landfein machten, gaben wir unsere Startnummer zurück (warum die Veranstalter den schmierigen, zerknitterten und von den rostigen Sicherheitsnadeln zerstochenen Zettel zurück haben wollten, weiß der Teufel..) und nahmen stolz unsere Billigurkunden mit unseren falsch geschriebenen Namen in Empfang.

alt

 

 

Bei einem Bier und zwei Steaks resümierte ich mit André den Tag.

Unser Fazit fiel ernüchternd aus: Um 200 Kilometer im Gebirge Rad zu fahren, muss man nicht 300 Kilometer extra Auto fahrend die Umwelt verpesten, 15 Euro Startgeld zahlen und sich über diverse Unzulänglichkeiten seitens des Gastgebers wundern oder eben ärgern. Eine Erfahrung war es auf alle Fälle, bei der wir uns mit unserer eigenen Veranstaltung vergleichen konnten. Und ich denke, dass wir bedeutend mehr zu bieten haben und wesentlich mehr Niveau unters Volk bringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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